Münchner Zentrum für antike Welten
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Provinzialrömische Archäologie

Das spätrömische Guntia / Günzburg. Die Gräberfelder an der Ulmer Straße und in der Oberstadt sowie das spätrömische Kastell.

Förderungsbeginn: April 2016
 
Die zentralen Fragestellungen meiner Dissertation gehören zu den großen Themenkomplexen der Kontinuität zwischen Spätantike und Frühmittelalter und der Gesellschaftsstruktur im spätantiken Bayern. Zahlreiche Fundplätze in der damaligen Provinz Raetia secunda zeigen, dass es hier zwischen dem Ende des Imperium Romanum und den Anfängen des Frühmittelalters keine abrupte Zäsur gab. Im Gegenteil fand ein kontinuierlicher Austausch zwischen den verschiedenen Kulturgruppen statt, was letztlich als Ausgangspunkt für die Ethnogenese der Bajuwaren angesehen wird.
Einer dieser Fundplätze ist der spätrömische Militärplatz Guntia / Günzburg in Bayerisch-Schwaben, dessen archäologische Zeugnisse zur Spätantike ich in meiner Doktorarbeit untersuche. Guntia befand sich an der nördlichen Grenze der spätantiken Provinz Raetia secunda, die entlang des sog. Donau-Iller Limes verlief. Die wichtigsten Fundstellen zur Erforschung der Spätantike stellen hier zwei Kastellfriedhöfe des späten 3. bis 5. Jhs. n. Chr. dar. Einige Befunde des spätantiken Kastells und Siedlungsfunde ergänzen die archäologischen Quellen. Von besonderem Interesse für die übergeordneten Fragestellungen sind zahlreiche Gräber mit Beigaben aus dem germanischen Kulturkreis, die eine exemplarische Untersuchung der Koexistenz von Römern und Germanen an der spätantiken Grenze des Imperium Romanum ermöglichen.
Neben den archäologischen Funden und Befunden ziehe ich zur Auswertung historische Quellen sowie die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Analysen heran. Letztere helfen bei Fragen nach der Herkunft der Bestatteten (Isotopenanalysen 87Sr/86Sr und 18O/16O) und der Datierung der Gräber (14C-Analysen) weiter. Zusätzlich liefert die anthropologische Untersuchung der Skelette Informationen zu Alter, Geschlecht, Pathologien/Traumata sowie zu Lebensumständen und Todesursachen. Schriftquellen zum spätantiken Günzburg sind zwar spärlich, enthalten aber wichtige Informationen: ein 297 n. Chr. gehaltener Panegyrikus (Paneg. Lat. V,II) erwähnt den Donauübergang transitus Guntiensis, der die Geschichte des römischen Günzburg vom 1. Jh. n. Chr. bis in die Spätantike maßgeblich beeinflusste. Die Rede lobt militärische Erfolge in der Alamannia und zeigt damit die Bedeutung Günzburgs als Ausgangspunkt militärischer Offensiven bereits in tetrarchischer Zeit. Auf ein Bestehen des Kastells bis in die erste Hälfte des 5. Jhs. n. Chr. deutet – neben der vorläufigen Auswertung des Fundmaterials – auch seine Erwähnung in der Notitia Dignitatum (Not. dign. occ. 35), aus der der Name Guntia und die dort stationierte Einheit der milites Ursarienses bekannt sind.
In der archäologisch-historischen Auswertung sind chronologische und kulturgeschichtliche Fragen zu klären und die Geschichte von Guntia in die historischen Zusammenhänge einzuordnen. Ausgehend von den Ergebnissen werden die weiterführenden Fragestellungen behandelt. Dabei untersuche ich durch die vergleichende Analyse der spätantiken Fundplätze insbesondere die Rolle germanischer Söldner in der spätantiken Grenzverteidigung der Raetia secunda sowie das Zusammenleben von provinzialrömischer und germanischer Bevölkerung in der gesamten Provinz.